Als festliches Weihespiel für das Canterbury Festival 1935 geschrieben, handelt es sich bei Eliots "Murder in the Cathedral" um einen Erneuerungsversuch des mittelalterlichen Mysterienspiels in der Verbindung mit antiken Formelementen aus modernem christlichen Geist. Als Gegenstand wählte er das Blutzeugnis des berühmtesten aller englischen Heiligen, des Thomas Becket, der Kanzler und Vertrauter Heinrichs II. und von 1162 bis 1170 Erzbischof von Canterbury war. Nach dem Bruch mit dem König, dessen juristischen Reformen er im Interesse der Kirche bekämpfte, in die Verbannung geschickt, wurde er nach trügerischer Aussöhnung mit dem Herrscher am 29.12.1170 in seiner eigenen Kathedrale von vier normannischen Baronen, die im Sinne des Königs zu handeln glaubten, ermordet.

Eliot geht es bei der Gestaltung dieses Stoffes nicht um den aufs menschliche übergreifende historischen Konflikt von Staatsräson und kirchlichem Auftrag, sondern um den übergeschichtlichen Sinngehalt des Martyriums und seine Bedeutung für die Gemeinschaft der Gläubigen.

Der erste Teil des Dramas handelt von der Rückkehr Beckets aus dem Exil im Dezember 1170. Ein klassischer Chor nach griechischem Vorbild eröffnet und begleitet das Stück und deutet durch seine Ängste und Visionen den tragischen Verlauf an. Nach der Ankündigung durch einen Boten empfangen die vier Priester ihren Erzbischof erleichtert, aber auch besorgt, ob der neue Friede auch ein echter Friede sei. Zurecht, denn sofort nach dem Eintreffen wird Becket von vier Versuchern heimgesucht. Drei dieser Charaktere widersteht Becket, nachdem sie ihn mit den Verlockungen der diesseitigen Freude, der politischen Macht und des Missbrauchs des geistlichen Auftrags für weltliche Ziele verleiten wollen. Der vierte Versucher jedoch kommt für Becket unerwartet. Er rät Becket im Einklang mit dessen geheimen Erwägungen und Wünschen zum Martyrium um der Glorie des Martyriums willen.

Der Erzbischof erkennt durch den letzten Versucher jedoch seinen Hochmut und überwindet ihn mit der Feststellung, dass "der größte Verrat" darin besteht, "das Rechte aus einem falschen Grund zu tun". Er verkündet, der rechte Märtyrer sei jener, "der zum Werkzeug Gottes geworden ist, dessen Wille in Gottes Willen aufgeht, der nicht mehr für sich selbst begehrt, nicht einmal den Ruhm des Märtyrers."So fügt sich Becket im zweiten Teil des Stückes wehrlos seinem Schicksal und lässt sich wie angekündigt allein von Gott leiten. Vier Ritter betreten die Bühne und beschuldigen den Erzbischof der Konspiration mit dem Papst und dem Französischen König. "Auf Königs Befehl" verlangen sie die Rücknahme seiner Übergriffe und laden ihn vor den König, woraufhin Thomas die Sache vor den Papst zu bringen droht. Die Priester drängen ihren Oberhirten zum Gottesdienst an den Altar und verriegeln die Pforten des Doms. Der Erzbischof jedoch lässt die Türen weit aufwerfen, um die Kirche Gottes auch seinen Feinden zu öffnen.

Die Ritter haben sich mittlerweile Mut angetrunken, betreten die Kirche und töten den Unbeugsamen. Der Chor der Frauen ruft, durch die Bluttat erschüttert, eine bilderreiche Anklage über die Fäulnis der Welt. In dieser Szene bricht Eliot mit der bisherigen dramatischen Form und lässt die Ritter, einer modernen Gerichtsverhandlung gleich, ein Plädoyer der Verteidigung direkt an das Publikum richten. In heutiger Terminologie verfasst, bemühen sie die Argumente der Rechtlichkeit, der Uneigennützigkeit und der staatspolitischen Notwendigkeit, um den von den Zuschauern bezeugten Gewaltakt zu legitimieren. In völliger Überzeugung ihres Rechts verlassen die Ritter den Tatort und die Bühne. Der Abschluss des Stücks schwingt, liturgisch überhöht, in die vorige Stilhaltung zurück. Es folgen dicht hintereinander die Totenklage der Priester, ihr Lobpreis des neuen Heiligen und die Lobpreisung Gottes durch den Chor im Te Deum.